• Hallo! Ich bin
    Nathalie
    Kellenberger
    Autorin, Software Ingenieurin
    «Der Schreibprozess ist eine Reise, bei welcher
    die Geschichte den Autor an die Hand nimmt.»

Publikationen

Auf dem Lande Anthologie

  • Blühende Kirschbäume, abgelegene Alpweiden, ein bedrohlicher Stausee in den Bergen, ein Bauer, in dessen Stall sich die eigenartigsten Dinge zutragen: Das sind Kulissen und Protagonisten der 20 Landgeschichten, welche in diesem Buch vereint sind.
  • Landverlag
  • Oktober 2013
  • ISBN: 978-3-905980-19-6

Auszeit Nathalie Kellenberger und Jacqueline Stahl

  • Entstanden im Rahmen der Projektarbeit „Sinn“ von Tanja Mäder und Michele Tyler. „Sinn“-gemäss werden alle Sinne des Publikums angesprochen. Das vorliegende Buch war Grundlage für drei szenische Abende im September 2013.
  • boox-verlag
  • September 2013
  • ISBN: 978-3-906037-10-3

Spuren Nathalie Kellenberger und Jacqueline Stahl

  • Das Leben hinterlässt Spuren, tiefe und oberflächliche. Alle haben eines gemeinsam: Sie erzählen Geschichten. Nathalie Kellenberger und Jacqueline Stahl haben Spuren verfolgt und neue gelegt. Diese Geschichten finden sich im vorliegenden Buch.
  • boox-verlag
  • September 2012
  • ISBN: 978-3-906037-07-3

sofort leslich Anthologie

  • 10 Studierende des Lehrgangs «Literarisch Schreiben» an der SAL haben mit dieser Anthologie gemeinsam alle Schritte der Buchproduktion durchlaufen. Die Anthologie versammelt zehn spannende, utopische und amüsante Geschichten, die um das Thema «Kaffee» kreisen.
  • boox-verlag
  • Oktober 2011
  • 1. Auflage ausverkauft

Bauer Ebert

Ebert trinkt seinen Kaffee im Stehen und schaut vom Küchenfenster aus rüber zum Stall. Auf einmal geht ein Mann über den Hof, geduckt, als ob ein starker Wind weht, doch das Wetter ist ruhig heute. Der Mann winkt einen zweiten zu sich, der etwas auf der Schulter trägt. Sie gehen auf den Stall zu. Ebert schnappt sich die Schrotflinte und stürmt aus dem Haus, da macht sich einer der beiden Männer bereits am Vorhängeschloss zu schaffen. „Weg da, verdammtes Pack oder ich verpasse euch eine Ladung Schrot in die Hintern.“ Die Männer drehen sich um und der eine hebt die Hände, als er Ebert mit der Schrotflinte sieht. Der andere hält mit der rechten Hand die Kamera auf seiner Schulter fest und hebt die linke ebenfalls langsam in die Höhe.

„Sind Sie der Besitzer dieses Hofs? Herr Ebert?“ Der Mann macht einen Schritt auf Ebert zu. „Der bin ich wohl. Und als dieser jage ich euch von dem selbigen. Also nehmt die Beine in die Hand. Hopp, hopp!“ Ebert schwenkt die Schrotflinte nach links. Erst jetzt sieht er das Auto, das auf dem Weg parkt.

„Zu Ihnen wollten wir. Können wir nicht irgendwo reden, ganz ohne Flinte? Vielleicht im Haus? Wir haben Ihnen ein Angebot zu machen.“ Der Mann macht noch einen Schritt auf Ebert zu, woraufhin Ebert die Schrotflinte auf sein Gesicht richtet und der Mann stehen bleibt.

„Einbrechen wolltet ihr. Wie ihr da auf den Hof geschlichen seid. Oder warum parkt ihr da vorn? Bei mir hat keiner geklingelt.“

„Wir wollten keinen falschen Eindruck erwecken. Das Haus sah verlassen aus.“

„Das ist mein Grundstück und darauf habt ihr nichts zu suchen.“

„Wir wollen doch bloss mit Ihnen reden, Herr Ebert. Unser Sender zahlt eine gute Summe. Wenn es denn stimmt.“

„Mit Pack wie euch habe ich nichts zu schaffen und jetzt verzieht euch endlich, sonst mache ich euch Beine.“ Ebert schreit jetzt.

Die beiden Männer heben weiter die Hände und ziehen sich langsam zurück zum Auto. Erst als das Auto rückwärts vom Hof rollt, senkt Ebert die Schrotflinte. Er blickt ihnen nach und geht dann zurück ins Haus.

*

Heiri und Hofer sitzen an einem der Tische in der Kneipe und trinken ein Helles. „Warst du diese Woche bei Ebert?“ fragt Heiri. Hofer schüttelt den Kopf. „Angerufen hat er, dass es bald soweit ist, aber dann habe ich nichts mehr von ihm gehört.“

In diesem Moment wird die Tür der Kneipe geöffnet, alle Blicke wenden sich zum Eingang, zwei Männer betreten den Raum und blicken sich um. „Haben die sich etwa verlaufen?“ fragt Hofer. Heiri runzelt die Stirn. „Die sind nicht von hier, aber der eine kommt mir bekannt vor. Den habe ich schon mal gesehen. Bloss wo?“ Die zwei Fremden gehen zur Theke und reden mit Andrea, die ganz nach hinten in die Ecke zeigt, wo Kuno allein an einem der Tische sitzt und in sein Bier starrt. Heiri schielt den beiden nach, als sie vorüber gehen und sieht wie Kuno ihnen zunickt. Die beiden Männer ziehen sich je einen Stuhl an Kunos Tisch und stecken die Köpfe mit ihm zusammen.

Auf einmal ist es so still in der Kneipe, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Doch die Männer an Kunos Tisch reden gedämpft. Schliesslich schiebt der eine der beiden seinen Stuhl mit einem lauten Schaben nach hinten und erhebt sich. „Ohne Film kein Deal“, sagt er zu Kuno. Dieser winkt ihn nochmals zu sich herunter, doch der Mann schüttelt den Kopf. „Ich red mit ihm“, hört man Kuno sagen. Der zweite Mann erhebt sich ebenfalls, beide schütteln Kuno die Hand und verlassen die Kneipe wieder. Heiri schaut ihnen nach, als sie nach draussen gehen. „Jetzt weiss ich wieder, wo ich den schon gesehen habe“, murmelt er. „Ja, wo denn?“ will Hofer wissen. Doch Heiri antwortet ihm nicht, steht stattdessen auf, geht rüber zu Kunos Tisch, setzt sich und winkt von dort aus Andrea hinter dem Tresen zu. Kuno blickt auf und grummelt: „Was willst du, Heiri?“

„Nichts weiter“, antwortet der, „nur ein bisschen reden.“

„Ich hab nichts zu sagen.“

Andrea kommt an den Tisch. „Was darfs sein?“

„Für mich ein Grosses und für Kuno …“, Heiri wirft einen Blick auf sein Gegenüber, „Kuno kann glaub ich einen Schnaps vertragen.“

Andrea nickt. „Kommt sofort.“

„Was waren das für zwei vorhin?“

„Lass gut sein, Heiri.“

Andrea bringt das Bier und den Schnaps, doch Kuno rührt den Schnaps nicht an. Heiri zuckt die Schultern und nimmt einen Schluck von seinem Bier.

„Die sind nicht von hier, das sieht jeder.“ Heiri schnalzt mit der Zunge. „Doch den einen habe ich schon gesehen …“, er lässt Kuno nicht aus den Augen, „und zwar in den Nachrichten.“

„Und wenn schon. Ich muss zurück. Schönen Abend noch.“ Kuno steht auf und macht sich davon. Heiri ruft ihm nach: „Waren die etwa auf Eberts Hof?“ Doch Kuno verlässt die Kneipe ohne sich nochmals umzudrehen. Heiri versenkt den Schnaps in seinem Bier und setzt sich damit zurück zu Hofer an den Tisch. „So einer.“

„Was waren das jetzt für zwei?“

„Du solltest dir eben doch wieder einen Fernseher zulegen. Reporter waren das.“

„Oha, und was wollten die von Kuno?“

„Sicher nichts Gutes, wegen was Gutem fahren die nicht soweit. Aber ich glaube ja, die waren bei Ebert.“

„Bei Ebert?“

„Sicher. Da wett ich was. Wer sollte schon was von Kuno wollen? Und du hast gar nichts mehr von Ebert gehört?“

„Nichts.“

Heiri kratzt sich am Kopf. „Da ist was Grosses im Busch. Das sag ich dir.“

Einer vom Nebentisch zieht seinen Stuhl zu Heiri und Hofer an den Tisch und dann noch einer. Plötzlich will jemand die Typen heute schon mal gesehen haben, wie sie nach dem Weg zu Eberts Hof gefragt haben. „Ebert hat sicher was ausgefressen, der war mir schon immer suspekt.“ – „Oder gesehen wie ein anderer …“ – „Oder er hat im Lotto gewonnen.“ Die Gespräche breiten sich weiter aus, bis sich die ganze Kneipe das Maul über Ebert zerreisst.

*

„Was ist denn mit Kuno los? Gestern rührt er keinen Schnaps an und heute kommt er rein und bestellt gleich drei auf einmal. Drei!" Kuno kippt den dritten Schnaps und dreht sich auf dem Barhocker um. „Ich hab dich schon gehört, Heiri.“ Dieser zuckt die Schultern. „Jetzt sag halt, was los ist.“

„Da brauche ich erst noch einen Schnaps.“

Heiri nickt Andrea hinter dem Tresen zu, die nach der Flasche greift und das letzte Schnapsglas wieder auffüllt.

„Jetzt red schon.“

Kuno kippt auch diesen Schnaps weg. Mittlerweile haben sich alle in der Kneipe zu ihnen umgedreht, so dass ein grosser Kreis um Kuno entstanden ist.

„Gefeuert hat er mich, ja gefeuert“, sagt Kuno.

„Ebert? Na, er wird schon einen guten Grund gehabt haben.“

„Einen Scheissdreck hat der. Dabei habe ichs nur gut gemeint. Sogar beteiligen wollte ich ihn.“

„Beteiligen? Woran denn? Hat das was mit diesen Reportern zu tun? Was hat es denn damit auf sich?“

Kuno seufzt. „Ach, was solls, geschieht ihm recht, dem sturen Bock. Diese Woche sollte doch das Schaf werfen.“

Heiri nickt Hofer zu. „Hofer hat den Anruf gekriegt, aber mehr nicht. Dann hat Ebert es wohl allein geschafft. Oder eher das Schaf.“ Heiri lacht.

„Muss wohl.“ Kuno nickt. „Nicht mal mich hat er gerufen. Schlafen lassen hat er mich.“

„Ein feiner Kerl, der Ebert. Bei mir wärs anders rum gelaufen, da hätte ich geschlafen und du beim Schaf gewacht.“ Heiri lacht laut heraus und die anderen der Runde stimmen mit ein.

„Deswegen habe ich auch bei Ebert gearbeitet und nicht bei dir. Jedenfalls wollte ich am nächsten Morgen rüber zum Stall und nach dem Schaf schauen, da war abgeschlossen. Ein grosses Vorhängeschloss hing dort.“

„Und?“

„Und, und. Was und? Warum soll Ebert den Stall abriegeln?“

„Vielleicht hat er Angst, dass geklaut wird“, sagt einer aus der Runde, „Unsinn“, ein anderer.

„Genau“, Kuno zeigt mit dem Finger auf Letzteren.

„Hast du ihn denn gefragt?“ will Heiri wissen.

„Freilich.“

„Jetzt machs nicht so spannend. Was hat er gesagt?“

„Erst wollte er nicht reden, aber dann hat er gesagt, dass sei ein richtiges Zuchtlamm, das könnte gewinnen auf der Schau dieses Jahr. Die Kleine hat ja nen guten Stamm. Jedenfalls soll ich keinem was sagen und bis zur Schau kriegt keiner sie zu Gesicht, basta. Basta, hat er gesagt.“

„Und deswegen waren die Reporter hier? Ich kann kaum glauben, dass die für ein Lamm den weiten Weg auf sich nehmen.“

„Natürlich nicht, jetzt lass mich halt ausreden. Ich wollte mir dieses Wunder anschauen. Schliesslich weiss ich, wo Ebert seine Schlüssel hat. Aber diesen hat er bei sich getragen, Tag und Nacht, sage ich euch.“

„Und dann?“

Kuno grinst und zeigt die Zähne dabei. Er richtet sich auf dem Barhocker auf und drückt das Kreuz durch. „So einer wie ich kennt schliesslich ein paar Tricks. So ein Schloss ist doch kein Hindernis für mich.“

„So, so, ein kleiner Gauner bist du, ein Einbrecher. Da bin ich aber froh, dass du nicht für mich arbeitest“, sagt Heiri.

„Was war jetzt im Stall?“ fragt einer aus der Runde.

„Im Stall war das Lamm wie erwartet bei seiner Mutter. Nur das Lamm …“ Kuno schüttelt sich auf dem Barhocker.

„Jetzt red schon.“

„Das war kein richtiges Lamm, nicht ganz, da war …“ Er schluckt schwer. „Mir wird die Kehle ganz trocken.“

Heiri nickt wieder zu Andrea rüber. „Gib ihm noch einen. Aber dann raus damit.“

*
...

Auf dem Bahnsteig

LAUTSPRECHER

TGV nach Basel, Mulhouse, Paris Gare de Lyon, Gleis 16. Interregio nach Baden, Brugg, Brig, Gleis 17. Eurocity nach ...

Der Zugbegleiter betritt den Bahnsteig.

ZUGBEGLEITER

Ah, ah, schön, schön. Sie stehen schon alle bereit zur Abreise. Dann wird es Zeit Sie mit Fakten zu füttern. Damit alles klappt. Wie am Schnürchen. Sie verstehen? Ich bin Ihr Zugbegleiter für diese Reise.

Er schaut sich um.

ZUGBEGLEITER

Hm, hm. Voller Zug, wie es scheint. Gemischtes Publikum. Einzelreisende, Grüppchen - aus Erfahrung: es sind im Zug selten grosse Gruppen, ist auch angenehmer. Keine Schulabschlussklasse mit knapper Kasse. Die meisten mieten sich einen Car, einen Komfortcar. Wegen dem Gemeinschaftsgefühl. Sie verstehen!
Ein paar Familien. Nicht zu viele Kleinkinder. Auch gut. Ehepaare - die lasse ich besser zufrieden.
Dicke Dame - dicker Koffer - ich werde mich dünn machen.
Eine Jassgruppe, nur vier - da müssen noch zwei dazu. Hoffentlich geht das gut!
Mit den älteren Damen werde ich keine Probleme haben. Hilfsbereit zeigen, lächeln, alles paletti.
Nicht, dass Sie glauben, ich wäre für den ganzen Zug verantwortlich. Natürlich nicht! Nur für Wagen 22 und 23. Mir reicht’s. Sie verstehen schon!

Kai betritt den Bahnsteig. Der Zugbegleiter weist auf ihn.

ZUGBEGLEITER

Allein Reisender, wenig Gepäck, spartanisch sozusagen. Ein Vielreisender, erkenne ich auf den ersten Blick. Bin schliesslich Profi.
Ja, ich weiss mehr. Soll ich es Ihnen verraten?
Das ist Kai.

Tessa betritt den Bahnsteig.

ZUGBEGLEITER

Ah, Tessa! Hübsches Kind. Kein Gepäck, die junge Dame? Ich weiss natürlich Bescheid, aber ich lasse die Katze nicht aus dem Sack, nein, nein. Um das zu erfahren sind Sie schliesslich hier. Alles binde ich Ihnen nicht auf die Nase, etwas müssen Sie schon selbst tun.
Lassen wir das. Der Zug wird gleich einfahren. Stellen Sie sich, wenn es soweit ist, in eine, bitte beachten eine!, Reihe, damit wir Sie einsteigen lassen können auf unsere Reise der Sinne.

LAUTSPRECHER

Gleis 15. Einfahrt des Interregios nach Olten, Solothurn, Grenchen, Biel. Abfahrt 16 Uhr 30. Erste Klasse Sektor A, zweite Klasse Sektoren B und C.

Tessa schaut sich um.

TESSA

Sieht ja aus wie in einer Galerie hier. Wobei, so modern sind die Koffer und Taschen auch wieder nicht, da ist das eine oder andere historische Stück dabei. Ein Museum?
Ich komme mir blöd vor mit meiner Freitag-Tasche. Dabei ist so eine Freitag-Tasche gross, da findet das halbe Leben drin Platz, zumindest meins. Tessa, Tessa, was machst du bloss hier? Dreh um und geh nach Hause. Das ist eine Nummer zu gross für dich. Meine innere Stimme, kennt kein Pardon. Die weist mich stets zurecht und zeigt mir die Notausgänge auf. Und die Signale der Notausgänge blinken gerade in neon-grün vor meinem geistigen Auge. Nein, ich bin nicht verrückt. Was ist mit deinem Gepäck? Lässt sich alles kaufen. Was sagst du bei der Arbeit? Bin ich eben krank, kommt vor, war ich länger nicht mehr. Heute habe ich auf alles eine Antwort. Ich bin kein Krebs mehr, wie er sagt. Ach, daher weht der Wind! Ach, sei doch still.

KAI

Kai verschafft sich einen ersten Überblick. Der Zug wird proppenvoll sein, obwohl Montag ist. Vielleicht sind die Billette am Montag billiger?
Vor ihm steht eine dicke Dame mit schwerem Koffer, den er lieber nicht hochhieven möchte. Weg. Wohin? Links sind vier ältere Damen, ein Strickkränzchen, rechts vor ihm eine Gruppe Männer. Das ist bestimmt ein Jassklub.

Tessa sieht Kai.

TESSA

Was ist denn das? Ein Seesack? Hier bei uns gibt’s doch keine Marine, also was soll das? Wär der nicht etwas für dich? Schau, der hat eine Fototasche um. Sicher ein Fotograf. Einer, der in der Welt herumkommt. Der kann dir etwas vom Leben zeigen. Ja klar, was für ein Quatsch. Der ist so etwas von nicht mein Typ. Der ist schliesslich kein ... und ausserdem bleibt einer mit einem Seesack nirgends lange. Der wirft ihn sich über die Schultern, wenn es ihn weiterzieht. Ach herrje, du liest zu viel. Wenn du damit sagen willst, dass er leicht reist ... - Genau. Leicht und unverbindlich. - ... dann schau dich an ... mit deiner Tasche. Ach, lass mich in Ruhe. Der wirkt ohnehin arrogant.

ZUGBEGLEITER

Gleis 6, Einfahrt des ...

KAI

Mit den älteren Damen möchte Kai nicht unbedingt das Abteil teilen, auch wenn sie Selbstgebackenes bei sich haben. Der Jassklub hat dafür Bier dabei. Aber eine ganze Nacht im selben Abteil? Er dreht sich um und sieht eine junge Frau mit einer Freitag-Tasche. Mit ihr würde er das Abteil gerne teilen. Alleine? Wahrscheinlich. Nein! Er will keine schnelle Nummer - bringt nichts als Ärger, das kennt er schon. Er mustert sie genauer. Kein Gepäck, suchender Blick - schon rattert es in seinem Hirn. Vielleicht sollte er ihr sagen, dass die S-Bahn im Untergeschoss fährt und die Regionalzüge vom hintersten Bahnsteig weggehen. Doch eigentlich wirkt sie nicht wie ein Landei.
Bevor er weiter über das Freitag-Mädchen, wie er sie wegen ihrer Tasche nennt, nachdenken kann, fährt der Zug ein. Schnell macht er ein paar Schritte zurück. Dabei stösst er beinahe mit ihr zusammen.

KAI

Na, alleine unterwegs?

TESSA

Wie? Äh ... nein, ich gehöre da vorn ...

Tessa geht schnell weiter.

TESSA

Nichts wie weiter. Quatscht der mich einfach von der Seite an. Meine Güte, Tessa. Das war doch die Gelegenheit! Nix da! Ich stelle mich einfach zu diesem Grüppchen.

Tessa stellt sich neben eine Gruppe von Reisenden.

TESSA

Dann falle ich nicht so auf. Neben denen stichst du raus wie das schwarze Schaf in der Herde. Sei bitte endlich still. Ich warte einfach hier, bis alle eingestiegen sind. Recht so, schinde Zeit. Du kannst draussen stehen bleiben, das weisst du. Nichts da, ich steige ein.

KAI

Kai schaut ihr nach. Also alleine unterwegs.

Etwas links der beiden steht ein Damenkränzchen.

1. DAME

Habt ihr eure Billette und Reservationen?

2. DAME

In der Handtasche natürlich, im Portmonee. Wo sonst?

3. DAME

Meine Handtasche! Ich habe sie liegen gelassen! Im Tram oder beim Kaffeestand! Mein Gott! Da habe ich alles drin! Pass, Billett, Reservation, Geld, Hausschlüssel - mein ganzes Leben!

4. DAME

Du hast vergessen den Lippenstift zu erwähnen. Wofür willst du dieses knallige Rot einsetzen? Hier - du hast sie beim Kaffeestand liegen gelassen - wegen der netten Bedienung, was!

3. Dame unter Tränen.

3. DAME

Und das sagst du erst jetzt? Wo wir schon Stunden hier stehen? Lässt mich absichtlich im Ungewissen. Wie gemein! Was bist du nur für ein Mensch?

1. DAME

Es reicht, ihr zwei! Und zwar für die ganze Reise. Ist das klar? Ihr seid schlimmer als meine Enkel.

2. DAME

Wofür, sagtest du, ist der Lippenstift?

Ein Ehepaar hinter dem Damenkränzchen.

EHEFRAU

Hier steckst du! Ich habe dich überall gesucht!

EHEMANN

Ich war die ganze Zeit über hier.

EHEFRAU

Ist doch nicht wahr. Wir haben dort vorne bei der Tafel gestanden.

EHEMANN

Nein, hier. Ich bin genau hier stehen geblieben, als du schon wieder zur Toilette musstest.

EHEFRAU

Ich war erst einmal auf der Toilette. Zuvor habe ich mir ein Wasser gekauft. Ausserdem habe ich mir die Tafel genau eingeprägt, damit ich dich wiederfinde.

EHEMANN

Meinst du so eine wie die hinter mir? Wie auch immer, du hast mich ja wiedergefunden.

EHEFRAU

Ja, dank den Koffern. So hässliche Koffer wie wir hat sonst keiner.

EHEMANN

Hättest du eben neue gekauft. Habe ich dir doch gesagt. Aber du beschwerst dich lieber.

EHEFRAU

Was heisst hier, ich beschwere mich? Am Ende passen sie dir nicht. Bleib nächstes Mal einfach an Ort und Stelle stehen.

EHEMANN

Aber ich bin doch ...!

ZUGBEGLEITER

So ist das mit den Männern, so ist das mit den Frauen. Jeder braucht etwas anderes und doch brauchen sie einander. Ich kann das manchmal kaum verstehen. Aber beobachtet habe ich das oft genug. Wenn sie eingestiegen sind, ist erst mal wieder alles gut.

...

Für Opa

Heute sind sie gekommen. Mehr als er gedacht hätte. Gut gekennzeichnet durch einen schwarzen Streifen. Er schliesst den Briefkasten. Irgendwann wird er Frau Hauser, seine Nachbarin, bitten, die Briefe zu öffnen und jedem Absender eine Dankeskarte zu schreiben. Ganz wie es sich gehört.

Er drückt den Stapel zusammen, der sich dick und weich anfühlt. Zurück im Haus legt er ihn auf dem Wohnzimmertisch ab, bald wird sich auf der Tischfläche der erste Staub sammeln. Der Küchentisch ist ihm lieber. Daran kann einer alleine essen. Der Stapel kommt ins Rutschen und legt einen Brief ohne schwarzen Streifen frei. Ein einfacher weisser Umschlag mit einer Wölbung. Er nimmt ihn in die Finger, dreht und wendet ihn, drückt ihn, kein Absender, bloss ein verschmierter Poststempel. Er öffnet den Umschlag. Eine Karte kommt zum Vorschein und ein wolliges Etwas. Auf der Karte steht in krakeliger Schrift:

Für Opa

Und auf der Rückseite:

Hat Oma für mich gemacht

Er legt Umschlag und Karte auf den Tisch, betrachtet das fingergrosse Ding. Seine Finger streichen gelbe Zöpfe aus einem Gesicht mit blauen gestickten Augen und rotem Mund. Eine Fingerpuppe, gestrickt, von ihr. An eine Puppe kann er sich nicht erinnern, aber an das Klicken der Nadeln, wenn er mit Irma vor dem Fernseher oder auf dem Balkon sass.

Behutsam legt er die Puppe auf die Karte und nimmt beides mit in die Küche. Er hat keine Ahnung, was er damit anfangen soll. Wegwerfen geht nicht. Irmas Kissen musste zwar aus dem Schlafzimmer verschwinden. Es verwirrte ihn, wenn er morgens mit ihrem Duft aufwachte. Jetzt liegt es auf dem Sofa.

Als er sich nachmittags einen Kaffee machen will, fällt sein Blick auf die Puppe. Er stülpt sie über seinen Zeigefinger, sieht wie die Maschen sich weiten, sie wurde für kleinere Finger als seine gemacht. Sein Zeigefinger lässt sich gerade noch knicken und die Puppe macht eine Verbeugung. Er nickt ihr zu. „Verzeihen Sie meine Dame, dass ich ihre Verbeugung nicht erwidere, aber das machen meine alten Knochen nicht mehr mit“, sagt er. Die Puppe schweigt.

„Sie erinnern mich an meine Irma. Sie hatte einst langes blondes Haar, genau wie Sie.“ Er knickt den Zeigefinger leicht, so dass die Puppe nickt.

„Ach, das ist doch alles Quatsch“, sagt er und lässt die Hand sinken. „Kaum bist du weg, Irma, schon rede ich mit Puppen. Hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht.“ Er hebt die Hand und will sich die Puppe vom Finger ziehen. Kurz bevor seine Finger ihren Kopf greifen, hält er inne. „So geht das nicht“, seufzt er. Er versucht den Körper der Puppe vom Finger zu schieben, aber die sitzt fest.

...

Das Kuckucksei

Effi ist meine kleine Schwester. Ich habe immer wieder gefragt, ob ich in ihrem Alter auch so einen Schmollmund gezogen hätte. Maman sagt, nein. Ich hätte sie gleich nach der Geburt angelächelt. Papa sagt jedoch, dass sei gar nicht möglich, Babys könnten erst nach ein paar Wochen lächeln. Papa ist sehr gescheit. Aber Maman mag es nicht, wenn er ihr gegenüber so gescheit ist.

Nicht, dass Maman dumm wäre. Sie ist ebenso gescheit wie Papa. Nur, dass sie in manchen Momenten nicht so gescheit sein will, wie sie sagt. Beide forschen alten Kulturen nach und erzählen uns gerne Geschichten von Menschen und Göttern aus längst vergangener Zeit. Dieser Leidenschaft haben Effi und ich unsere Namen zu verdanken. Aber keiner nennt Effi bei ihrem vollen Namen, ausser Maman wenn sie wütend ist. Seit Effi sprechen und laufen kann, ist das ziemlich oft.

Ich fand Effi schon als Baby nicht süss. Ihre Geburt hatte lange gedauert. Die Schwester sprach von einer Zangengeburt und ich malte mir aus, wie sie Effi mit einer Zange aus Maman rauszogen, aber es nicht ging, weil sie irgendwo festklemmte. Papa lachte, als ich ihm davon erzählte. Er erklärte mir, wie der Begriff Zangengeburt zustande kam, aber ich mochte gar nicht zuhören, weil ich mir Sorgen um Maman machte.

Gleich nach der Geburt sah Effi aus wie der Mops der Nachbarin, aber Papa sagte, dass sei für Babys ganz normal, da nicht viel Platz in Mamans Bauch gewesen sei. Ich stellte mir vor, wie Effi in den kleinen Körper geschlüpft sein musste und jetzt noch nicht alles am rechten Fleck sass. Wie wenn ich mein Kleid über den Kopf zog und es erst an die richtigen Stellen zupfen musste.

Maman lag mit halbgeschlossenen Augen in den Laken, Effi auf ihrem Bauch, die so laut schrie, dass ich mir die Ohren zuhalten musste. Papa küsste Maman auf die Stirn und lobte Effis lautes Organ. Ob ihr etwas wehtue, wollte ich wissen. Nein, nein, das sei ganz normal.

Da hätten sie es wissen müssen. Wo war das Geschenk des Himmels, von dem Maman gesprochen hatte? Effi schrie zu Hause weiter ohne Pause, so dass sie nicht in meinem Zimmer schlafen konnte. Meist schaute Papa nachts nach ihr. Ich durfte dennoch nicht mehr zu Maman ins Bett kriechen, sie brauche Ruhe und müsse jetzt für Effi da sein.

Einer von uns musste immer für Effi da sein. Maman war oft mit ihr beim Arzt, doch der sagte jedes Mal, Effis Werte seien alle normal. Maman schlief nachmittags mit der schreienden Effi auf der Brust ein oder drückte sie in meine Arme. Ich erzählte ihr Geschichten, wiegte sie, sang, es nützte alles nichts. Einzig Papa schien das Geschrei nichts auszumachen.

Als Effi grösser wurde, schrie sie, wenn sie nicht im Laufgitter bleiben, lieber mein als ihr Spielzeug haben, den Brei nicht essen wollte. Sie konnte sprechen bevor sie laufen konnte und liebte es, uns Anweisungen zu geben. Am meisten strahlte sie, wenn Papa sie auf seinen Schultern durch die Welt trug. Einmal hörte ich Maman zu Papa sagen, er habe Effi verzogen und ich wusste, dass das stimmte. Nachdem Effi laufen konnte, war nichts mehr vor ihr sicher. Sie räumte Papas CDs ab, leerte Mamans Parfüm aus und riss all meinen Barbiepuppen die Köpfe ab.

Seit ich zur Schule gehe, bin ich gross genug, um nachmittags auf Effi aufzupassen. Jedes Mal wenn ich Maman erzähle, was Effi wieder angestellt hat, schaut sie mich streng an und sagt: „Effi ist deine kleine Schwester. Wenn du auf sie Acht gibst, bist du dafür verantwortlich, was sie tut.“ Papa schaut Effi bloss gespielt streng an, wenn sie etwas ausgefressen hat, und sie erzählt ihm stolz von ihren Taten.

Ich sage Effi stets, sie solle lieb zu Maman sei. Sie sei schuld, dass Maman so erschöpft sei. Dass Maman und Papa sich erst streiten seit sie da ist. Effi zieht ihren Schmollmund und glaubt mir nicht. Sie schreit ganz laut, wie als Baby, bis Maman oder Papa, meist Papa, kommen. Dann erzählt sie schon mal, dass ich sie gehauen hätte, obwohl das nicht stimmt, und ich werde bestraft.

Klug ist Effi, die Nachbarn nennen sie Früchtchen, sonst hat sie nicht viel von uns und wenn ich sie nicht selbst im Krankenhaus auf Maman hätte liegen sehen und Papa vertrauen würde, der darauf schwört, dass sie aus Mamans rundem Bauch kam, dann hätte ich nicht geglaubt, dass sie zu uns gehört. Andere, die diesen Beweis nicht haben, zweifeln auch. Ich hörte unsere Nachbarin sagen, dass Papa ein schönes Kuckucksei untergeschoben worden sei.

Als ich ihn danach fragte, drückte er die Augenbrauen zusammen. Das macht er sonst nie. Er erzählte mir die Geschichte vom Kuckuck, der sich nicht um seine Kinder kümmern kann, sondern sie anderen Vögeln ins Nest legt. Das habe die Nachbarin aber nicht gemeint. Was sie dann gemeint habe, wollte ich wissen, aber das erzählte er mir nicht. Nur, dass Effi zu uns gehöre. Dass sie meine Schwester sei und ich sie lieb haben solle so wie ihn und Maman. Ich habe es versucht. Papa zuliebe. Und Maman zuliebe natürlich, damit sie sich nicht so aufregen muss. Genauso gut hätte es Effi von selbst passieren können. So oft wie Effi ausbüxt. Man braucht sie bloss einmal aus den Augen zu lassen und weg ist sie, taucht irgendwo ganz anders, manchmal weit weg von dort, wo man sie verloren hat, wieder auf.

Noch nie hat Maman mich so angeschrien. Ich bin nach Hause gekommen und erzähle ihr, dass ich Effi verloren habe. Sie will wissen wo, ruft Papa an, zerrt mich zu der Stelle, gleich neben dem Kiosk. Keiner hat Effi gesehen. Da schreit Maman mich zum zweiten Mal an. Danach gehen wir zur Polizei.

...

Der Spieler

Was alles geschehen muss, damit etwas geschehen kann

Das Marketingteam der Firma »Kaffee zum Glück« hatte eines Tages die Idee, das Motto seiner Firma in die Tat umzusetzen. Dieser Haufen kreativer Köpfe flegelte sich wie üblich in den tiefen Ledersesseln seines Kreativzimmers – eines simplen Sitzungszimmers, in dem ein Kaffeeautomat der eigenen Firma stand. Denn die Devise des Geschäftsführers war: das Produkt in den Alltag der Mitarbeiter zu integrieren. Und so sassen diese Mitarbeiter an einem Tisch und tranken Kaffee aus Kunststoffbechern wie die Studenten, die sie selbst vor nicht allzu langer Zeit noch gewesen waren.

A: Was haben wir?
B: Nichts.
C: Wie üblich.
A: Bis wann haben wir etwas zu haben?
D: Heute.
A: Genauer?
D: Heute, 17 Hundert.
A: Zeit?
D: 16 Uhr 55.
A: Was haben wir verworfen?
D: Den Einen-guten-Tag-wünschenden-Automaten, den wild blinkenden Automaten, den kitzligen Automaten, den Witze reissenden Automaten.
B: Das ist nichts.
A: Wie lautet das Motto?
D: Glück.
C: Wie üblich.
E: Ich hab‘s!
A: Raus damit!
E: Der glückwünschende Automat!
B: Das ist auch nichts.
A: Glückwunsch! Das Motto soll immer vor unseren Ideen stehen. Du hast dir einen Becher Kaffee verdient.
A schob zwei Münzen über den Tisch zu E.
B: Ich hab …!
A: Immer her damit!
B: … nichts.
C: Wie üblich.
A liess seine flache Hand über die Tischplatte in Richtung B gleiten und deckte sie leer auf.
A: Ich bin für den glückwünschenden Automaten in Kombination mit dem Einen-guten-Tag-wünschenden-Automaten und dem wild blinkenden Automaten.
D: Eine gute Wahl!
A: Wenigstens ein bisschen mehr Motto als nichts.
B: Das ist nichts.
A: Wie viel Zeit noch?
D: Eine Minute.
A: Wir sind zu früh.
E: Ich hab’s!
A: Wie bitte?
E: Der glücksspielende Automat!
B: Das ist mal nicht nichts!

Stolz präsentierte der leitende kreative Kopf des Teams um Punkt 17 Hundert dem Geschäftsführer die Idee des glücksspielenden Automaten.

Was alles geschehen kann, wenn etwas geschehen ist

Die Firma »Kaffee zum Glück« liess einen Prototypen des glücksspielenden Automaten produzieren. Der Prototyp, ursprünglich vollgestopft mit den Ideen der Marketingabteilung, die wiederum von der Rechts- und spätestens der Ingenieurabteilung gestrichen wurden, war immer noch ein Kaffeeautomat, sah jedoch aus wie ein einarmiger Bandit. Durch Drücken des grossen rot leuchtenden Knopfs, auf welchem GLÜCK geschrieben stand, konnte um den Preis eines Bechers Kaffee gespielt werden, der sich verdoppelte, halbierte oder aufhob. Zuvor musste der doppelte Betrag eingeworfen werden. Denn Tests innerhalb der Firma hatten ergeben, dass sich die Mitarbeiter einfach entfernten, wenn sie das Spiel verloren. Der Automat blieb so blockiert, bis der Nächste den Betrag ausglich. Weder die Marketing- noch die Rechts- und schon gar nicht die Ingenieurabteilung hatte diesen Fall bedacht. Der Prototyp wurde dem Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich geschenkt. In der ersten Woche spielten die Studenten am Automaten, um die Wahrscheinlichkeiten der Preise zu bestimmen. Sie fanden schnell heraus, dass der Hersteller keinen Verlust erlitt, da der Preis in fünfzig Prozent der Fälle gleich blieb, sich in zwanzig verdoppelte oder halbierte und nur in zehn Prozent der Fälle erlassen wurde. In der zweiten Woche spielte schon keiner der Studenten mehr um einen Becher Kaffee. In der dritten Woche stand Herr S. am Kaffeeautomaten. Ebenso in der vierten, fünften, sechsten und siebten. Auf dem Tisch links von ihm stauten sich die vollen Becher, obwohl jeder der vorbeigehenden Studenten sich dort bediente. Die Putzfrau musste abends jeweils länger arbeiten, um den Schlamassel zu beseitigen. In der achten Woche kam die Polizei und nahm Herrn S. mit sich.

Was alles geschehen sollte, wenn etwas geschehen ist

Der Leiter des Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung würde sich bei der Firma »Kaffee zum Glück« über das Chaos, das Herr S. verursacht hatte, beschweren. Die Firma liesse ihren Prototypen abholen und stellte dem Institut ein brandneues Gerät zur Verfügung, das sie ein Jahr lang kostenlos auffüllen würde. Das Modell der neuen In-Linie würde über eine Auswahl wie Latte Macchiato, Cappuccino, nur nicht über einen Becher einfachen schwarzen Kaffee verfügen.
Der Prototyp würde leicht modifiziert in der Marketingabteilung der Firma aufgestellt. Die Firma hätte kürzlich alle ihre internen Kaffeeautomaten so umgerüstet, dass sie kein Bargeld mehr benötigten, sondern den Betrag über die Ausweise der Mitarbeiter verbuchen würden. Und die Ausweise des Marketingteams wären nur am Prototypen gültig. Die Ingenieurabteilung hätte ganze Arbeit geleistet, als sie die einprogrammierten Wahrscheinlichkeiten auf genau genommen nur noch einen Gewinn angepasst hätte: den doppelten Betrag für einen Becher Kaffee zu bezahlen. Der überschüssige Betrag würde von der Firma monatlich zur Therapie von Spielsüchtigen gespendet. Thermosflaschen der Mitarbeiter würden bei der Eingangskontrolle eingezogen.

Was alles geschieht

B: Nichts. Nichts, nichts und wieder nichts.

Was alles geschehen muss, wenn etwas geschehen soll

In der neunten Woche war Herr S. frisch eingeschriebener Student am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung. In der zehnten Woche war er immer noch in keiner Vorlesung anzutreffen, sondern nur vor dem Kaffeeautomaten. In der elften Woche wurde schon nicht mehr über ihn gesprochen. Man machte sich nicht mehr über ihn lustig, er wurde nicht mehr beleidigt, sondern er wurde zu einem Teil des Kaffeeautomaten.
In der zwölften Woche stellte sich eine Studentin direkt neben Herrn S., blickte geradewegs in sein Gesicht und streckte ihm die Hand hin.

Studentin: Hi.

Der Blick von Herrn S. blieb an den Auswahltasten des Automaten kleben. Der Daumen seiner linken Hand drückte den roten Knopf mit der Aufschrift GLÜCK und gleich darauf die Taste des billigsten Kaffees, das Gedudel aus dem Automaten ertönte, alle Knöpfe blinkten wild und die Rollen begannen sich zu drehen. Ein Kunststoffbecher fiel in die Halterung der Kaffeeausgabe und das schwarze Gold ergoss sich zischend hinein. Der Duft des frisch aufgebrühten Getränks verteilte sich. Die Rollen drehten sich und drehten sich, der Automat piepste und jaulte nochmals auf, begleitet von hellem Blinken.
Die Studentin zog ihre Hand zurück. Herr S. drückte wieder den roten Knopf mit dem Daumen seiner linken Hand. Dies tat er geübt mit der gerade benötigten Geschwindigkeit und dem ausreichenden Druck. Die erste Rolle kam zum Stehen mit der Aufschrift: Kein Gewinn. Die zweite Rolle rastete ein: Kein Gewinn. Die dritte Rolle stoppte mit dem Symbol: Kaffeetasse. Herr S. ergriff mit der linken Hand den vollen Becher und stellte ihn weg.

Studentin: Da hatten Sie ja Glück. Der Preis bleibt gleich.

Das Wechselgeld fiel in Zehnrappenstücken scheppernd in die Münzausgabe. Herr S. griff mit der rechten Hand hinein und der Gewinn verschwand gleich wieder Münze für Münze im Schlitz. Die rechte Hand wanderte in die ausgebeulte Tasche seiner Manchesterhose, dann mit einer Handvoll Zehnrappenstücken wieder zum Schlitz, ergänzte bis zum vollen Betrag und wanderte in die Hosentasche zurück.

Herr S: Glück?
Studentin: Na Glück, so wie’s auf dem Knopf da steht. Ich bin übrigens Silvie.

Der Blick von Herrn S. wanderte vom Automaten zum Gesicht der jungen Frau. Seine Hände hielten zum ersten Mal seit Wochen in ihrem stets gleichen Bewegungsablauf inne. Der Daumen seiner linken Hand verharrte in der Luft über dem Glücksknopf, die rechte Hand blieb in der Hosentasche stecken.

Herr S: Schneider. Freut mich.
Silvie: Ein Automat, bei dem man verlieren kann, ist doch unfair.

Die Augen von Herrn Schneider wanderten zurück zum Automaten, der Daumen seiner linken Hand drückte den roten Knopf und danach die Kaffeewahltaste.

Herr Schneider: Verlieren?

Seine rechte Hand spielte in der Hosentasche mit den Zehnrappenstücken. Kaffee füllte gurgelnd einen weiteren Kunststoffbecher auf.

Silvie: Den doppelten Preis zahlen. Für gewöhnlich sind solche Werbeträger ohne Risiko. Man gewinnt oder nicht. Aber man kann nicht verlieren. Und dann ist die Chance, den ganzen Betrag zu gewinnen auch noch kleiner, als ihn zu verlieren. Das ist wirklich unverschämt!
Herr Schneider: Kleiner?
Silvie: Ja, kleiner. Hat Ihnen noch keiner gesagt, wie die Chancen stehen, zu gewinnen?
Herr Schneider: Doch. Man verliert immer.
Silvie schaute zu Boden, Herr Schneider starrte weiter auf die sich drehenden Rollen.
Silvie: Das wissen Sie?
Herr Schneider: Ich werfe Geld ein und es kommt ein Becher Kaffee raus. Manchmal erhalte ich Geld zurück und manchmal nicht. Aber es kommt nur Kaffee dabei raus.
Silvie: Wenn Sie das wissen, warum werfen Sie dann Geld rein?
Herr Schneider: Um zu spielen.
Silvie: Und warum spielen Sie überhaupt?

Herrn Schneiders Daumen, der gerade wieder den roten Knopf mit tausendfach trainierter Bewegung kurz, aber mit genau der richtigen Geschwindigkeit drücken wollte, hielt inne und zitterte. Die Hand in der Hosentasche liess die Zehnrappenstücke zwischen den Fingern kreisen. Die letzten Tropfen kamen mit einem Schuss Dampf im Becher an. Und Herrn Schneiders Daumen drückte den roten Knopf, die Augen fixierten die abbremsenden Rollen, die linke Hand entfernte den Kaffeebecher und die rechte ergriff ein paar Münzen und warf sie in den Schlitz ein.

Herr Schneider: Weil ich muss. Spielsucht. Sagt der Therapeut.
Silvie: Aber das ganze Leben ist doch ein Spielautomat. Nehmen Sie mich zum Beispiel. Ich kann in jeder beliebigen Situation spielen, nicht nur hier am Kaffeeautomaten.

Herrn Schneiders Daumen der linken Hand drückte den roten Knopf und anschliessend die Kaffeewahltaste. Mit seinen Augen fixierte er die Rollen.

Herr Schneider: Jeder?
Silvie: Klar. Ich stehe morgens auf, stelle mich vor den Spiegel und mache den folgenden Einsatz: Wenn ich mit dem Kajalstift abrutsche, gibt es keinen Kaffee.

...

Über mich

  • CAS Requirements Engineering

    Certificate of Advanced Studies in Requirements Engineering an der Hochschule Rapperswil. Abgeschlossen mit der Praxisarbeit zur «Bedürfnisanalyse junger Familien rund um den Zoo Zürich».

  • Sprachaufenthalt China

    Viermonatiger Sprachaufenthalt in China. Je ein Monat Aufenthalt in Shenzhen, Shanghai, Beijing und Guangzhou. Insgesamt Besuch von 240 Lektionen Chinesisch an der Sprachschule iMandarin. Absolvierung von HSK1 und HSK2 vor der Reise sowie HSK3 nach dem Aufenthalt.

  • Senior Softwareentwicklerin bei Noser Engineering AG

    Arbeit als Consultant und Software Entwicklerin von mobilen und Web Applikationen vor Ort in den Teams unserer Kunden sowie Begleitung, Anpassung und Schulung von agilen Prozessen. Stellvertretende Leitung des Kompetenzcenters Microsoft.

  • Lehrgang Literarisch Schreiben an der SAL Zürich

    Dreijährige Ausbildung zum Autor an der Schule für Angewandte Linguistik. Abschluss durch Diplomarbeit (Literarisches Werk). Zum Ende der Ausbildung eigenständige Produktion der Anthologie «sofort leslich» mit Texten der Studierenden rund um das Thema Kaffee.

  • Softwareentwicklerin bei Ernst Basler & Partner AG

    Entwicklung von Webseiten für Kundenprojekte, insbesondere webbasierte geografische Informationssysteme (GIS) in ASP.NET, Java Script und Silverlight für ArcGIS Server.

  • Softwareentwicklerin bei Balzano Informatik AG

    Mitentwicklung bei der Neuumsetzung des Produkts Evento Web auf ASP.NET 2.0 mittels Webpart Technologie. Danach Betreuung und Weiterentwicklung des Produkts. Fachliche Betreuung eines Lehrlings und eines weiteren Mitarbeiters des Web Teams.

  • MSc ETH in Computer Science

    Studium an der ETH Zürich zur Diplomierten Informatikingenieurin mit Master in Software Engineering, Nebenfach Chinesisch (Sprache und Kultur) und Masterarbeit zu «Inference of Universe Type Annotations». Während der Studienzeit Betreuung und Unterricht von Studenten in Informatik des ersten und zweiten Semesters als Hilfsassistentin